Abschnitt 1
Informationsquellen vor dem Termin
Vor einem Versteigerungstermin stehen verschiedene Informationsquellen zur Verfügung. Jede hat ihren Nutzen – aber auch klare Grenzen. Das Verkehrswertgutachten ist der wichtigste Ausgangspunkt, aber kein Ersatz für eine eigene Bewertung.
| Quelle | Nutzen | Grenze |
|---|---|---|
| Verkehrswertgutachten | Zustand, Baujahr, Fotos, Wertansatz | ggf. keine Innenbesichtigung |
| Fotos | sichtbare Schäden | nicht vollständig |
| Energieausweis | Verbrauch/Bedarf, Heizung, Effizienz | oft alt oder unvollständig |
| Grundbuch | Rechte, Lasten, Nutzung | keine Baukosten |
| Baulasten / Bauakte | Genehmigung, Umbauten | je nach Einsicht |
| WEG-Unterlagen | Rücklagen, Sonderumlagen, Beschlüsse | nur bei Wohnung |
| Außenbesichtigung | Dach, Fassade, Fenster, Feuchteindizien | Innenzustand offen |
| Nachbarschaft / Umgebung | Markt und Nutzung | keine Beweissicherheit |
Abschnitt 2
Bauteil-Check vor Gebot
Für jeden relevanten Bauteil gibt es typische Warnsignale, die aus Fotos, der Außenbesichtigung oder dem Gutachten erkennbar sind. Jedes Warnsignal bedeutet ein erhöhtes Kostenrisiko.
| Bauteil | Warnsignale | Risikofolge |
|---|---|---|
| Dach | Wellen, Moos, fehlende Ziegel, Durchbiegung | Feuchte, Dämmung, Eindeckung |
| Fassade | Risse, Abplatzungen, Algen, Feuchte | Putz, Dämmung, Abdichtung |
| Keller | muffig, Salzausblühungen, nasse Wände | Abdichtung, Drainage |
| Fenster | Einfachglas, Verzug, Kondensat | energetische Sanierung |
| Heizung | Alter unbekannt, Öltank, Schornstein | Austausch, GEG, Schornsteinfeger |
| Elektro | alter Zählerschrank, Stoffleitungen | Komplettsanierung |
| Sanitär | alte Leitungen, mehrere Bäder | Strangsanierung |
| Innenausbau | Schimmel, Risse, alte Böden | Rückbau, Trockenbau |
| Schadstoffe | Asbest, PAK, alte Dämmung | Analyse, Entsorgung |
| Außenanlagen | Stützmauern, Zufahrt, Entwässerung | Zusatzkosten |
Abschnitt 3
Grobe Kostenlogik nach Eingriffstiefe
Die Eingriffstiefe bestimmt maßgeblich den Sanierungsumfang und damit den notwendigen Risikopuffer. Ohne Innenbesichtigung kommt ein zusätzlicher Unsicherheitsabschlag hinzu.
| Eingriffstiefe | Typische Maßnahmen | Risikopuffer |
|---|---|---|
| Kosmetische Renovierung | Maler, Böden, Türen | 10–15 % |
| Technische Modernisierung | Heizung, Elektro, Sanitär | 15–25 % |
| Energetische Sanierung | Dämmung, Fenster, Heizung, Lüftung | 20–30 % |
| Kernsanierung | Rückbau, Haustechnik, Dach, Ausbau | 25–40 % |
| Ohne Innenbesichtigung | unbekannte Schäden | + Unsicherheitsabschlag |
Abschnitt 4
Beispiel: Maximalgebot mit Sanierungspuffer
Eine realistische Maximalgebots-Berechnung berücksichtigt alle Kostenblöcke inklusive GEG-Puffer und Risikopuffer wegen fehlender Innenbesichtigung.
| Position | Betrag |
|---|---|
| Marktwert nach Sanierung | 330.000 Euro |
| Sichtbare Sanierung | −55.000 Euro |
| Technische Risiken | −25.000 Euro |
| GEG-/Energiepuffer | −15.000 Euro |
| Risikopuffer wegen fehlender Innenbesichtigung | −30.000 Euro |
| Erwerbsnebenkosten | −22.000 Euro |
| Zielreserve | −18.000 Euro |
| Maximalgebot | 165.000 Euro |
Beispielrechnung, keine Beratung. Alle Annahmen müssen objekt- und marktspezifisch überprüft werden.
Abschnitt 5
Faustregel: Drei Kostenszenarien
Ein Gebot sollte nicht nur im Basisszenario funktionieren. Die Stressrechnung ist die entscheidende Prüfung der Gebotsgrenze.
| Szenario | Bedeutung |
|---|---|
| Basis | Nur bekannte Maßnahmen – optimistisches Szenario |
| Realistisch | Bekannte Maßnahmen plus normale Nachträge |
| Stress | Zusätzliche Schäden, Bauzeitverlängerung, GEG, Preissteigerung |
Abschnitt 6
Typische Fehler
| Fehler | Folge |
|---|---|
| Gutachtenwert als Sanierungsbudget-Ersatz | Kosten werden unterschätzt |
| Keine Innenbesichtigung ohne Puffer | Hohes Verlustrisiko |
| GEG-Pflichten ignorieren | Nachrüstkosten nach Zuschlag |
| Fördermittel als sicher einplanen | Liquiditätsloch |
| Handwerkerpreise aus alten Angeboten nutzen | Baukostenrisiko |
| Keine Reserve für Nachträge | Baustopp |
| Außenbesichtigung überschätzen | Innenrisiken bleiben unbekannt |
Abschnitt 7
Rechenmodell: Baupreissteigerung in der Gebotsgrenze
Wer zwischen Zuschlag, Planung und Handwerkerstart mehrere Monate verliert, trägt Preis- und Zeitrisiken. Ein einfacher Zuschlag auf die Sanierungskosten kann helfen, das Maximalgebot realistischer zu setzen.
| Position | Basis | Stress |
|---|---|---|
| Bekannte Sanierung | 80.000 Euro | 80.000 Euro |
| Baupreis-/Angebotsrisiko 3,3 % | 2.640 Euro | 2.640 Euro |
| Nachtragsrisiko 15 % | 12.000 Euro | — |
| Nachtragsrisiko 30 % | — | 24.000 Euro |
| Bauzeit-/Leerstandskosten 6 Monate à 900 Euro | 5.400 Euro | 5.400 Euro |
| Sanierungsrisiko gesamt | 100.040 Euro | 112.040 Euro |
Abschnitt 8
Bauteil-Risiko mit grober Ampel
Die Ampellogik hilft, das Risiko für jeden Bauteil schnell einzuschätzen und in die Pufferkalkulation einzubeziehen.
| Bauteil | Geringes Risiko | Mittleres Risiko | Hohes Risiko |
|---|---|---|---|
| Dach | jünger, dicht, gedämmt | Alter unklar | Wellen, Feuchte, Durchbiegung |
| Heizung | jünger, dokumentiert | 15–25 Jahre alt | >30 Jahre, defekt, Öltank |
| Elektro | FI, moderner Schrank | teilmodernisiert | alte Leitungen, kein FI |
| Sanitär | neue Leitungen | Bad alt | Strang-/Abwasserproblem |
| Keller | trocken | einzelne Feuchtespuren | Salze, Nässe, Schimmel |
| Fenster | 2-/3-fach, intakt | alt, aber dicht | Einfachglas, Denkmal, Fäulnis |
| Fassade | intakt | Risse/Putz | Feuchte, WDVS-Schäden |
| Schadstoffe | kein Verdacht | Baujahr riskant | Asbest/PAK/KMF wahrscheinlich |
Abschnitt 9
Maximalgebot mit Pufferstufen
Das offensive Gebot wirkt attraktiver, hat aber deutlich weniger Sicherheitsmarge. Bei ZVG-Objekten ohne vollständige Innenbesichtigung ist das konservative Szenario die belastbarere Grundlage.
| Position | Konservativ | Offensiv |
|---|---|---|
| Marktwert nach Sanierung | 340.000 Euro | 340.000 Euro |
| Sanierung Basis | −80.000 Euro | −80.000 Euro |
| Puffer | −32.000 Euro | −16.000 Euro |
| Nebenkosten | −24.000 Euro | −24.000 Euro |
| Finanzierung / Bauzeit | −9.000 Euro | −6.000 Euro |
| Zielreserve | −15.000 Euro | −8.000 Euro |
| Maximalgebot | 180.000 Euro | 206.000 Euro |
Das offensive Gebot hat 26.000 Euro weniger Sicherheitsmarge.
FAQ
Häufige Fragen
Kann man Sanierungskosten ohne Besichtigung einschätzen?
Nur grob. Es braucht Abschläge, Szenarien und hohe Puffer. Das Ziel ist keine präzise Kalkulation, sondern eine belastbare Gebotsgrenze.
Wie hoch sollte der Risikopuffer sein?
Das hängt von Objekt, Zustand und Datenlage ab. Ohne Innenbesichtigung sollte der Puffer deutlich höher sein als bei bekanntem Innenzustand – realistisch 25–40 % bei Kernsanierungen.
Sollte ich Handwerker vor dem Termin einbinden?
Wenn möglich ja, zumindest für Gutachtenanalyse und grobe Bauteilbewertung. Handwerker erkennen Risiken oft früher als Laien.
Was gehört zwingend ins Maximalgebot?
Sanierung, Nebenkosten, Finanzierung, Puffer, GEG, Zeitkosten und Zielmarge. Wer einzelne Blöcke weglässt, riskiert einen wirtschaftlichen Schaden nach dem Zuschlag.
Quellen & fachliche Grundlage
- Gebäudeenergiegesetz (GEG), insbesondere §§ 47, 48, 71 ff., 72, 80, 105 GEG sowie Anlage 7 GEG.
- Gesetz über die Zwangsversteigerung und die Zwangsverwaltung (ZVG), insbesondere § 90 ZVG zum Eigentumserwerb durch Zuschlag.
- Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG): KfW Heizungsförderung 458 und BAFA BEG Einzelmaßnahmen.
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Baupreise für Wohngebäude und Instandhaltung.
- Landesdenkmalgesetze, Denkmallisten und zuständige Denkmalbehörden.
- BGB-Werkvertragsrecht, VOB/B nur bei wirksamer Vereinbarung, HOAI als Orientierungsrahmen für Planungsleistungen.
Stand: April 2026