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Bodenrichtwert: Bedeutung, Berechnung und praktische Anwendung bei der Due Diligence

Was ist der Bodenrichtwert, wie wird er berechnet und warum ist er bei Zwangsversteigerungen ein unverzichtbares Werkzeug? Vollständige Erklärung mit Formeln, Beispielen und Checkliste für Bieter.

Stand: Juni 2026 · Lesedauer: ca. 15–20 Minuten

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechts-, Steuer- oder Gutachterberatung. Bodenrichtwerte sind stichtagsbezogene Durchschnittswerte und können vom tatsächlichen Marktpreis abweichen. Vor einem Gebot sind amtliche Quellen, das Verkehrswertgutachten und fachkundige Beratung unverzichtbar.

Abschnitt 1

Was ist der Bodenrichtwert?

Der Bodenrichtwert beschreibt den durchschnittlichen Wert des unbebauten Bodens innerhalb einer bestimmten Lagezone. Er wird üblicherweise als Eurobetrag pro Quadratmeter Grundstücksfläche angegeben.

Die gesetzliche Grundlage steht in § 196 BauGB: Bodenrichtwerte sind flächendeckende durchschnittliche Lagewerte für den Boden, die auf Grundlage der Kaufpreissammlung ermittelt werden. In bebauten Gebieten ist so zu ermitteln, als wäre der Boden unbebaut.

Wichtig zu verstehen: Der Bodenrichtwert ist kein garantierter Kaufpreis und auch kein vollständiger Immobilienwert. Er beschreibt nur den durchschnittlichen Wert des Bodens innerhalb einer Zone – ohne Gebäude, ohne Rechte, ohne Marktabweichungen.

Einfache Grundformel

Bodenwert = Grundstücksfläche × Bodenrichtwert
Grundstücksfläche600 m²
Bodenrichtwert800 €/m²
Rechnerischer Bodenwert480.000 €

Dieser Betrag ist der rechnerische Bodenwert. Er sagt noch nichts über den Wert eines Gebäudes auf dem Grundstück und auch nichts darüber, ob ein Käufer – oder Bieter – genau diesen Betrag zahlen würde.

Abschnitt 2

Wer ermittelt Bodenrichtwerte?

Bodenrichtwerte werden von den Gutachterausschüssen für Grundstückswerte ermittelt. Diese sind unabhängige, gesetzlich verankerte Gremien (§ 192 BauGB). Sie führen Kaufpreissammlungen, werten diese aus und ermitteln daraus Bodenrichtwerte sowie weitere Marktdaten: Liegenschaftszinssätze, Sachwertfaktoren, Vergleichsfaktoren.

Die Kaufpreissammlung ist besonders wertvoll, weil die Gutachterausschüsse nicht mit Angebotspreisen, sondern mit tatsächlich beurkundeten Kaufverträgen arbeiten. Nach § 195 BauGB sind Grundstückskaufverträge dem Gutachterausschuss zur Führung der Kaufpreissammlung zu übermitteln.

1

Notarieller Kaufvertrag wird geschlossen

Käufer und Verkäufer einigen sich auf einen Preis

2

Kaufvertrag geht in die Kaufpreissammlung

Übermittlung an den zuständigen Gutachterausschuss (§ 195 BauGB)

3

Auswertung vergleichbarer Kauffälle

Statistische Analyse nach Lage, Nutzungsart, Größe

4

Bildung von Bodenrichtwertzonen

Grundstücke mit weitgehend übereinstimmender Nutzung werden zusammengefasst

5

Veröffentlichung als Bodenrichtwert in €/m²

Grundlage für Bewertung, Steuer, Gutachten, Due Diligence

Abschnitt 3

Wo findet man den Bodenrichtwert?

Bodenrichtwerte können in den Informationssystemen der Bundesländer eingesehen werden. Das länderübergreifende Portal BORIS-D stellt Bodenrichtwerte aller Gutachterausschüsse einheitlich, webbasiert und öffentlich zugänglich bereit.

QuelleTypischer NutzenZugang
BORIS-DBundesweite Orientierung, Kartenansichtboris.de, öffentlich
Landesportale (BORIS NRW, Bayern etc.)Amtliche Portale mit mehr DetailtiefeÖffentlich, teils kostenpflichtig
Örtlicher GutachterausschussVerbindlichere Auskünfte, SonderdatenAuf Anfrage, Gebühren
GrundstücksmarktberichteMarktanalyse, Liegenschaftszinssätze, VergleichsfaktorenKauf beim Gutachterausschuss
VersteigerungspilotBodenrichtwert direkt bei Objektdaten integriertIn der Objektansicht

Abschnitt 4

Bodenrichtwert, Bodenwert, Verkehrswert, Kaufpreis: Was ist der Unterschied?

Viele Missverständnisse entstehen, weil diese Begriffe im Alltag vermischt werden. Für die Due Diligence ist die klare Unterscheidung entscheidend.

BegriffWas er beschreibtBeispiel
BodenrichtwertDurchschnittlicher Lagewert je m² Boden in einer Zone800 €/m²
BodenwertRechnerischer Wert des konkreten Grundstücks (Fläche × BRW)600 m² × 800 = 480.000 €
GebäudewertWert der baulichen Anlagen ohne Bodenz. B. 370.000 €
Verkehrswert / MarktwertPreis im gewöhnlichen Geschäftsverkehr (§ 194 BauGB)850.000 €
KaufpreisTatsächlich vereinbarter Preis im Kaufvertrag820.000 €
Meistgebot (ZVG)Höchstes Bargebot im Versteigerungstermin680.000 €

Merksatz

Der Bodenrichtwert ist ein Baustein – kein Gesamtwert. Er ersetzt keine vollständige Immobilienbewertung und keinen Blick ins Grundbuch.

Abschnitt 5

Einen Bodenrichtwert richtig lesen

Ein Bodenrichtwert ist mehr als eine Zahl. Entscheidend sind die dazugehörigen Merkmale des Bodenrichtwertgrundstücks: Das ist ein fiktives, typisches Grundstück der Zone, auf das sich der Wert bezieht (§ 13 ImmoWertV). Weicht das konkrete Versteigerungsobjekt davon ab, können Anpassungen nötig sein.

MerkmalWarum es wichtig istBietrelevanz
NutzungsartWohnbaufläche, Mischgebiet, Gewerbe, LandwirtschaftHoch
Maß der baulichen Nutzung (GFZ/WGFZ)Je höher nutzbar, desto höher oft der BodenwertHoch
EntwicklungszustandBaureifes Land, Rohbauland, BauerwartungslandHoch
GrundstücksgrößeSehr große oder kleine Grundstücke können abweichenMittel
ErschließungszustandErschlossen, beitragsfrei, beitragspflichtigMittel–hoch
StichtagBodenrichtwerte beziehen sich auf einen bestimmten TerminImmer prüfen

Abschnitt 6

Grundformel: So berechnet man den Bodenwert

Die einfache Grundformel ist der Ausgangspunkt jeder Bodenbewertung. In der professionellen Bewertung wird sie um objektspezifische Anpassungsfaktoren erweitert.

Bodenwert = Grundstücksfläche × BodenrichtwertErweiterte Formel (professionell):Bodenwert = Fläche × BRW × Größenfaktor × Nutzungsfaktor × Lagefaktor ± objektspezifische Merkmale

Beispiel 1: Einfamilienhausgrundstück

Grundstücksfläche650 m²
Bodenrichtwert900 €/m²
Bodenwert (ohne Gebäude)585.000 €

Dieser Wert beschreibt den Boden, nicht das Haus. Wird das gesamte Grundstück für 1.100.000 € ersteigert, lässt sich als grobe Orientierung rechnen:

Verkehrswert (oder Meistgebot)1.100.000 €
Bodenwert585.000 €
Rechnerischer Gebäudeanteil515.000 €
Wichtig: Für steuerliche Zwecke oder eine belastbare Bewertung ist die reine Restwertmethode (Kaufpreis − Bodenwert = Gebäudewert) zu grob. Maßgeblich ist das Verhältnis der Verkehrswerte (BMF-Arbeitshilfe zur Kaufpreisaufteilung).

Abschnitt 7

Kaufpreisaufteilung: Warum die Verhältnisrechnung genauer ist

Bei bebauten Grundstücken wird häufig gefragt: Kann man einfach den Bodenwert vom Kaufpreis abziehen und den Rest als Gebäudewert ansehen?

Als grobe Überschlagsrechnung: ja, zur ersten Orientierung. Für steuerliche Zwecke oder eine belastbare Bewertung: nein, nicht automatisch. Das Bundesfinanzministerium weist ausdrücklich darauf hin, dass ein Gesamtkaufpreis nach dem Verhältnis der Verkehrswerte aufzuteilen ist – nicht nach der bloßen Restwertmethode.

Beispiel: Verhältnisrechnung

Ein Grundstück mit Gebäude wird für 1.200.000 € ersteigert. Ein Gutachter ermittelt folgende Teilwerte:

Schritt 1: Teilwerte ermitteln

Bodenwert (Gutachter)400.000 €
Gebäudewert (Gutachter)600.000 €
Summe Teilwerte1.000.000 €

Schritt 2: Verhältnis berechnen

Bodenanteil400.000 / 1.000.000 = 40 %
Gebäudeanteil600.000 / 1.000.000 = 60 %

Schritt 3: Verhältnis auf Kaufpreis anwenden

Kaufpreis1.200.000 €
Bodenanteil (40 %)480.000 €
Gebäudeanteil (60 %)720.000 €

Falsch wäre

1.200.000 € − 400.000 € = 800.000 € Gebäudewert

Diese Methode schlägt den gesamten Mehrpreis allein dem Gebäude zu – obwohl der Marktaufschlag wirtschaftlich Boden und Gebäude gemeinsam betreffen kann.

Abschnitt 8

Eigentumswohnung: Anteiliger Bodenwert über den Miteigentumsanteil

Auch bei einer Eigentumswohnung gehört ein Anteil am Grundstück dazu. Dieser ergibt sich aus dem Miteigentumsanteil (MEA), der in der Teilungserklärung und im Grundbuch festgelegt ist.

Berechnung: Anteiliger Bodenwert einer Eigentumswohnung

anteiliger Bodenwert = Gesamtgrundfläche × Bodenrichtwert × Miteigentumsanteil
Gesamtgrundstück1.200 m²
Bodenrichtwert1.500 €/m²
Gesamtbodenwert1.800.000 €
Miteigentumsanteil120 / 3.000 = 4,0 %
Anteiliger Bodenwert der Wohnung72.000 €

Kaufpreis der Wohnung: 420.000 €. Anteiliger Bodenwert: 72.000 €. Daraus ergibt sich ein Bodenanteil von rund 17,1 %. Der verbleibende Anteil (82,9 %) umfasst nicht nur die Wohnfläche innen, sondern auch den Anteil am Gemeinschaftseigentum: Dach, Fassade, Treppenhaus, Leitungen, Heizung, Keller, Aufzug.

ZVG-Tipp

Bei Eigentumswohnungen immer zusätzlich prüfen: WEG-Rückstände (persönliche Haftung für zwei Wirtschaftsjahre), Instandhaltungsrücklage, Protokolle der Eigentümerversammlungen und Sonderumlagen.

Abschnitt 9

Mehrfamilienhaus: Bodenwert im Ertragswertverfahren

Bei Mehrfamilienhäusern steht in der Bewertung häufig der Ertrag im Vordergrund: Mieteinnahmen, Bewirtschaftungskosten, Liegenschaftszins und Restnutzungsdauer. Der Bodenwert fließt im Ertragswertverfahren als eigenständiger Bestandteil ein.

ObjektartTypisches VerfahrenRolle des Bodenrichtwerts
EinfamilienhausSachwert- und/oder VergleichswertverfahrenBodenwert als wichtiger Bestandteil
EigentumswohnungVergleichswertverfahrenAnteiliger Bodenwert für Plausibilität und Steuer
MehrfamilienhausErtragswertverfahrenBodenwert als Teil des Ertragswerts (neben Ertragswert der Gebäude)
GewerbeimmobilieErtrags- oder SachwertverfahrenAbhängig von Nutzung und Markt
Unbebautes GrundstückVergleichswertverfahren / BodenrichtwertZentraler Ausgangswert

Abschnitt 10

Professionelle Bodenwertermittlung: Wann Anpassungen nötig sind

Nach § 40 ImmoWertV kann neben oder anstelle von Vergleichspreisen ein objektspezifisch angepasster Bodenrichtwert verwendet werden. Bieter sollten prüfen, ob das Gutachten solche Anpassungen enthält – und ob sie plausibel sind.

AnpassungsgrundMögliche Wirkung auf den Bodenwert
Grundstück deutlich größer als RichtwertgrundstückAbschlag je m² möglich
Grundstück deutlich kleinerZuschlag je m² möglich
Abweichende GFZ / WGFZZu- oder Abschlag nach Nutzungsintensität
Ecklage / besonderer ZuschnittJe nach Nutzbarkeit positiv oder negativ
HanglageKann wertmindernd oder lagebedingt werterhöhend wirken
Lärm, ImmissionenHäufig Abschlag
Bessere Mikrolage innerhalb der ZoneZuschlag möglich
AltlastenOft erheblicher Abschlag – § 4 BBodSchG
Baulasten, WegerechteJe nach Einschränkung Abschlag
Offene ErschließungsbeiträgeWirtschaftlicher Abschlag

Abschnitt 11

Kaufpreis vs. Bodenrichtwert: Sind Bodenrichtwerte marktgerecht?

Bodenrichtwerte sind stichtagsbezogene Durchschnittswerte. In stark steigenden Märkten können aktuelle Kaufpreise über dem Bodenrichtwert liegen. In abkühlenden Märkten können sie darunter liegen.

Ein konkretes Beispiel liefert der Berliner Ad-hoc-Marktreport Februar 2026. Er wertet Kauffälle für Bauland im individuellen Wohnungsbau (WGFZ bis 0,6) aus dem Zeitraum September bis November 2025 aus. Ergebnis für Gesamt-Berlin:

Berlin: Kaufpreis / Bodenrichtwert-Verhältnis (Feb. 2026)

Bodenrichtwert-Niveau (Stichtag 01.01.2025)100 %
Tatsächliches Kaufpreis-Niveau (Mittelwert)93 %
Spanne66 % bis 118 %
Mittlerer Abschlag zum Richtwert−7 %

Bezirksübersicht Berlin, Feb. 2026

Bezirk / RegionKauffälleKP/BRW-MittelMinMax
Gesamt-Berlin8493 %66 %118 %
Pankow2095 %71 %110 %
Spandau390 %85 %93 %
Treptow-Köpenick1592 %70 %103 %
Marzahn-Hellersdorf3191 %69 %114 %
Lichtenberg6102 %92 %111 %
Reinickendorf793 %66 %118 %

Quelle: Berliner Ad-hoc-Marktreport Februar 2026, Gutachterausschuss Berlin.

Aussage: In Lichtenberg lagen Kaufpreise im Mittel über dem Bodenrichtwertniveau. In den anderen Bezirken darunter. Märkte sind regional verschieden – immer aktuelle Daten heranziehen.

Abschnitt 12

Bodenrichtwert bei Zwangsversteigerungen: Die Rolle im Verfahren

Bei Zwangsversteigerungen ist nicht der Bodenrichtwert selbst die zentrale Zahl, sondern der vom Vollstreckungsgericht festgesetzte Verkehrswert. Nach § 74a Abs. 5 ZVG wird dieser Grundstückswert vom Gericht festgesetzt, nötigenfalls nach Anhörung von Sachverständigen.

Der Bodenrichtwert ist trotzdem unverzichtbar, weil er im Verkehrswertgutachten regelmäßig ein wesentlicher Baustein der Bodenwertermittlung ist. Bei einem Einfamilienhaus wird der Bodenwert aus dem Bodenrichtwert abgeleitet und dann mit dem Gebäudewert zusammengeführt. Bei Mehrfamilienhäusern fließt er in den Ertragswert ein.

Für Bieter bei der Due Diligence ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz: Wer den Bodenrichtwert im Gutachten nicht prüft, kann einen fehlerhaft angesetzten Bodenwert übersehen – mit direktem Einfluss auf den Verkehrswert und die strategischen Wertgrenzen.

Bodenrichtwert im Gutachten

  • Ist der richtige Stichtag verwendet?
  • Liegt das Objekt in der richtigen Bodenrichtwertzone?
  • Stimmt die Nutzungsart (Wohnen, Gewerbe)?
  • Sind Anpassungen vorgenommen und begründet?
  • Ist der Entwicklungszustand korrekt eingestuft?

Eigene Plausibilisierung

  • BORIS-D aufrufen: Bodenrichtwert selbst abrufen
  • Stichtag des Gutachtens vs. aktuellen Wert prüfen
  • Bodenwertanteil am Verkehrswert berechnen
  • Mit Marktberichten des Gutachterausschusses abgleichen
  • Bei Verdacht: eigenen Sachverständigen einschalten

Abschnitt 13

5/10- und 7/10-Grenzen: Warum der Verkehrswert so wichtig ist

An den gerichtlich festgesetzten Verkehrswert knüpfen die strategisch wichtigsten Grenzen im Bieterverfahren an:

50 %

5/10-Grenze

§ 85a ZVG

Liegt das Meistgebot unter 50 % des Grundstückswerts, ist der Zuschlag zu versagen. Diese Grenze schützt den Schuldner vor extremen Niedrigpreisen.

70 %

7/10-Grenze

§ 74a ZVG

Liegt das Meistgebot unter 70 % des Grundstückswerts, kann die Zuschlagsversagung beantragt werden. Das Verfahren wird dann auf einen neuen Termin vertagt.

Beispielrechnung: Wertgrenzen

Gerichtlich festgesetzter Verkehrswert: 400.000 €

5/10-Grenze (50 %)200.000 €
7/10-Grenze (70 %)280.000 €
MeistgebotEinordnung
190.000 €Unter 5/10 → Zuschlag grundsätzlich zu versagen (§ 85a ZVG)
250.000 €Über 5/10, aber unter 7/10 → Zuschlagsversagung kann beantragt werden
300.000 €Über 7/10 → Wertgrenzen überschritten, Zuschlag möglich

Due-Diligence-Relevanz

Wenn der Bodenwert im Gutachten falsch angesetzt wurde – zu hoch oder zu niedrig – verschiebt sich der Verkehrswert und damit auch die strategisch wichtigen Wertgrenzen. Eine Prüfung des Bodenrichtwerts im Gutachten ist daher keine akademische Übung, sondern direkte Bieterstrategie.

Abschnitt 14

Prüfcheckliste: Bodenrichtwert bei der Due Diligence

Hoch

Welcher Stichtag gilt für den Bodenrichtwert im Gutachten?

Marktwerte ändern sich – ein veralteter Stichtag kann den Bodenwert über- oder unterschätzen.

Hoch

Liegt das Objekt in der richtigen Bodenrichtwertzone?

Zonengrenzen verlaufen manchmal zwischen zwei Straßen – ein falscher Zone kann den Wert erheblich beeinflussen.

Hoch

Welche Nutzungsart und welcher Entwicklungszustand sind ausgewiesen?

Baureifes Wohnbauland ≠ Bauerwartungsland ≠ Gewerbe.

Mittel

Passt die GFZ / WGFZ zum Richtwertgrundstück?

Das Maß der baulichen Nutzung beeinflusst den Bodenwert – abweichende GFZ erfordert Anpassung.

Mittel

Weicht die Grundstücksgröße erheblich vom Richtwertgrundstück ab?

Sehr große Grundstücke haben oft einen Abschlag je m², sehr kleine einen Zuschlag.

Mittel

Ist das Grundstück erschlossen und sind Beiträge offen?

Offene Erschließungsbeiträge sind wirtschaftlich ein Abschlag auf den Bodenwert.

Hoch

Gibt es Altlasten im Altlastenkataster?

Bodenkontaminationen können den Bodenwert erheblich mindern – und den Ersteher haften lassen (§ 4 BBodSchG).

Mittel

Gibt es Baulasten, Wegerechte oder Leitungsrechte?

Können die Nutzbarkeit einschränken und den Wert mindern.

Mittel

Gibt es aktuelle Marktberichte für die Region?

Zeigen, ob aktuelle Kaufpreise über oder unter dem Bodenrichtwertniveau liegen.

Hoch

Ist der Bodenwertanteil am Verkehrswert plausibel?

Ein sehr hoher oder sehr niedriger Anteil kann auf einen fehlerhaften Ansatz hinweisen.

Abschnitt 15

Häufige Fehler beim Umgang mit Bodenrichtwerten

1

Bodenrichtwert = Kaufpreis

Der Bodenrichtwert ist kein garantierter Verkaufspreis, sondern ein Zonendurchschnitt für den Boden.

2

Gebäude wird ignoriert

Bei bebauten Grundstücken besteht der Wert aus Boden und baulichen Anlagen. Ein modernes Gebäude erhöht, ein maroder Bau kann mindern.

3

Falscher Stichtag

Für Gutachten, Steuer, Erbschaft oder Kaufpreisaufteilung kann der richtige Bewertungsstichtag entscheidend sein.

4

Grundstücksmerkmale nicht geprüft

Der Bodenrichtwert gilt für ein fiktives Richtwertgrundstück. Weicht das echte Objekt stark ab, sind Anpassungen erforderlich.

5

Miteigentumsanteil bei Wohnungen vergessen

Bei Eigentumswohnungen wird der Bodenanteil nicht über die Wohnfläche, sondern über den MEA am Grundstück berechnet.

6

Offene Erschließungsbeiträge übersehen

Ein Bodenrichtwert kann einen bestimmten Erschließungszustand unterstellen. Offene Beiträge sind ein wirtschaftlicher Abschlag.

7

Nur auf das Bargebot schauen

Bestehenbleibende Rechte (Nießbrauch, Wohnrecht, Grundschulden im besseren Rang) können wirtschaftlich erheblich sein.

Abschnitt 16

Rechenbeispiele im Überblick

Beispiel A: Unbebautes Grundstück

Grundstücksfläche800 m²
Bodenrichtwert350 €/m²
Bodenwert280.000 €

Beispiel B: Einfamilienhaus mit Bodenwertanteil

Grundstücksfläche700 m²
Bodenrichtwert800 €/m²
Rechnerischer Bodenwert560.000 €
Gerichtlicher Verkehrswert650.000 €
Bodenwertanteilca. 86 %

86 % des Verkehrswerts entfallen rechnerisch auf den Boden. Das Gebäude ist mit nur ca. 90.000 € bewertet – ein Signal für Bieter, dass der Lageaspekt deutlich dominiert.

Beispiel C: Eigentumswohnung

Gesamtgrundstück1.500 m²
Bodenrichtwert1.200 €/m²
Miteigentumsanteil80 / 2.000 = 4 %
Anteiliger Bodenwert1.500 × 1.200 × 0,04
Anteiliger Bodenwert72.000 €

Beispiel D: Marktanpassung mit KP/BRW-Faktor

Grundstück600 m²
Bodenrichtwert1.000 €/m²
Aktueller KP/BRW-Faktor (z. B. Berlin)93 %
Angepasster Bodenwert (Marktniveau)558.000 €

Beispiel E: ZVG – Wertgrenzen berechnen

Gerichtlicher Verkehrswert500.000 €
5/10-Grenze (50 %)250.000 €
7/10-Grenze (70 %)350.000 €

FAQ

Häufige Fragen zum Bodenrichtwert

Ist der Bodenrichtwert verbindlich?

Als Kaufpreis: nein. Als Orientierungswert in der Verkehrswertermittlung und bei steuerlichen Bewertungsverfahren: ja, er spielt dort eine sehr starke Rolle.

Gilt der Bodenrichtwert auch für bebaute Grundstücke?

Ja – aber nur für den Bodenanteil. In bebauten Gebieten wird er so ermittelt, als wäre der Boden unbebaut. Das Gebäude wird separat betrachtet (§ 196 BauGB).

Wie berechnet man den Bodenwert bei einer Eigentumswohnung?

Gesamtgrundstücksfläche × Bodenrichtwert × Miteigentumsanteil. Den Miteigentumsanteil findet man in der Teilungserklärung und im Wohnungsgrundbuch.

Warum ist der Bodenrichtwert bei Zwangsversteigerungen besonders wichtig?

Weil er ein zentraler Baustein des gerichtlichen Verkehrswertgutachtens ist. Fehler beim Bodenrichtwert-Ansatz beeinflussen den Verkehrswert – und damit direkt die 5/10- und 7/10-Wertgrenzen.

Kann der Bodenrichtwert höher sein als der tatsächliche Kaufpreis?

Ja. In abkühlenden Märkten können aktuelle Kaufpreise unter dem Bodenrichtwertniveau liegen. Der Berliner Ad-hoc-Marktreport Feb. 2026 zeigt für Gesamt-Berlin ein mittleres KP/BRW-Verhältnis von 93 %.

Bestimmt der Bodenrichtwert die 5/10- oder 7/10-Grenze?

Nein. Diese Grenzen beziehen sich auf den gerichtlich festgesetzten Verkehrswert (§ 74a ZVG, § 85a ZVG). Der Bodenrichtwert ist aber als Bestandteil des Verkehrswertgutachtens indirekt relevant.

Was bedeutet ein hoher Bodenwertanteil für Bieter?

Ein hoher Anteil (> 60 %) bedeutet, dass ein Großteil des Werts im Grundstück steckt – nicht im Gebäude. Das kann das Risiko für Bieter ohne Innenbesichtigung senken, weil der Gebäudezustand weniger entscheidend ist.

Wo finde ich den Bodenrichtwert für ein konkretes Objekt?

Über BORIS-D (bodenrichtwerte-boris.de), die Landesportale (z. B. BORIS NRW, BayernAtlas), den zuständigen Gutachterausschuss oder direkt in der Objektansicht auf Versteigerungspilot.

Welcher Bodenrichtwert ist bei Erbschaft oder Steuer maßgeblich?

Das hängt vom Bewertungsstichtag und vom konkreten steuerlichen Verfahren ab. Bei steuerlichen Fragen sollte der Wert mit einem Steuerberater oder Sachverständigen geprüft werden.

Fazit

Der Bodenrichtwert ist bei der Due Diligence weit mehr als eine theoretische Kennzahl. Er hilft, den Bodenwert zu berechnen, Kaufpreisaufteilungen zu verstehen, den Gebäudeanteil am Verkehrswert einzuordnen und Risiken sachlicher zu bewerten. Der Bodenwertanteil zeigt, wie viel Substanzwert im Grundstück steckt – unabhängig vom nicht immer prüfbaren Gebäudezustand. Wer den Bodenrichtwert im Gutachten prüft, hat einen entscheidenden Informationsvorsprung vor dem Termin.

Cluster 2 · Due Diligence

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